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Vorbereitungsteam Literaturgottesdienst

Im Spätsommer 2015 trafen sich einige aus der Gruppe 55+, um über einen etwas anderen Gottesdienst nachzudenken. Daraus entstand der Literaturgottesdienst der „ErLeserkirche“, der nach gelungenem Start im November 2015 in loser Folge für interessierte Gemeindeglieder, Menschen anderer Glaubensrichtungen und auch kirchenferne Besucher angeboten wird.
Wir entscheiden uns für zwei bis drei „Leseproben“ eines aus unserer Sicht lesenswerten Buches. Diese werden im Gottesdienst vorgestellt. Begleitende Musik, Lieder, Beleuchtung, Dekoration und besonderes Ambiente werden ausgewählt - und dann freuen wir uns auf den Literaturgottesdienst in der „ErLeserkirche“.
Ansprechpartnerin: Sandra Allerdisse

Vorbereitung eines Literaturgottesdienstes

Die "Litdom-Vorbereitungsgruppe" trifft sich nach Absprache vier bis fünf Mal zur Vorbereitung eines Literaturgottesdienstes.

1. Jeder aus der Gruppe stellt beim ersten Treffen ein Buch vor. Danach wird über die Bücher diskutiert und abgestimmt.

2. Beim nächsten Treffen werden Vorschläge zur Textauswahl gemacht, der Zeitrahmen für Texte und die Vorleserauswahl festgelegt, sowie  mögliche passende Bibeltexte und Lieder vorgeschlagen und über das Rahmenprogramm diskutiert.

3. Die nächsten Treffen dienen der Abstimmung und Koordination der Vorbereitung - Festlegung von Interpreten, von Texten, Musik und Liedern Ausarbeitung von Flyern, Pressemitteilung, Dekoration und Ausgestaltungsrahmen, Unterstützungsmail an die gesamte Gruppe 55 + für Auf- Abbau und Betreuung.

4. Am Morgen des Gottesdiensttages erfolgt der Saalaufbau mit Sprechproben.

5. In den Tagen danach findet bei einem gemeinsamen Frühstück aller aktiv Beteiligten eine Nachlese statt.

Übersicht über den kompletten Ablauf eines Literaturgottesdiensten

Der siebte Literaturgottesdienst

Siebter Literaturgottesdient der ErLeserkirche

am 06.10.2018 um 18 Uhr im PGH

Kompletter Ablauf

Vorspiel instrumental (Klavier)                       Norbert Römer

Begrüßung und liturgische Eröffnung            Sandra Allerdisse

Psalm 1 (nach Kurt Wolf)                                 Hannelore Koch

Glücklich der Mensch, der weiß, wohin er gehört,
der sein Heil nicht allein in der Karriere sucht,
der nicht spöttisch fragt: Sollte Gott gesagt haben…?

Bei denen, die tun was sie wollen, die Unmenschliches verlangen,
nur weil es möglich und machbar ist, ist sein Platz nicht.

Glücklich der Mensch, der dich, Gott beständig lernt,
der Lust auf deine Weisung hat und sagt:
Du bist der Eine, Du sprichst, und also geschieht es.

Wie ein Baum am Wasser gepflanzt, wächst er und blüht 
und grünt und trägt Früchte, wenn die Zeit dazu gekommen ist.

Glücklich der Mensch, so der nicht, der ohne Gott lebt,
und der nicht, der dich nie kennenlernte
und  nicht der Mensch, der Spreu für Weizen ausgibt.

Der Weg der Gerechten, mein Gott, hast Du gekennzeichnet.
Der Selbstgerechten Spur aber verläuft sich und versandet.

Gemeindelied: DL 263,  (Klavier)                   Norbert Römer

Buchvorstellung                                                Siegfried Lindemann 

Wie in der Vergangenheit auch haben wir den Titel des literarischen Werkes, um das es heute geht, im Vorfeld nicht verraten.
Unser Buch beschreibt in heiterer aber auch melancholischer Weise das Erbe unserer Region. Mit diesen Worten hat Sandra Allerdisse in der Ankündigung des aktuellen Er-Leser-Gottesdienstes den Roman „Marschmusik“ von Martin Becker umrissen.
Wer ist dieser Martin Becker? 
Er wurde 1982 geboren und wuchs in Plettenberg im Sauerland auf. Sein Studium begann er an der Ruhruniversität in Bochum, wechselte dann ans Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, zog 2005 nach Berlin und lebt und arbeitet heute wieder in Leipzig und auch in Prag.
Er macht Radio – im Ergebnis ist so eine Reihe von Hörspielen entstanden. Und er schreibt!
2007 erschien sein Erzählband “Ein schönes Leben“; zudem veröffentlichte er 2014 den Roman „Der Rest der Nacht“ und zuletzt 2017 „Marschmusik“. 
Für sein Werk bekam er widerholt Preise und Auszeichnungen, so zuletzt den deutsch-tschechischen Journalistenpreis in 2017.

Wirft man einen Blick auf das Cover, wird klar, wo man Beckers Roman verorten muss:
Der Förderturm verweist unmissverständlich auf das Revier mit seinen Zechen, auf den Pütt, die Bergleute, die dort malochen und die in der Nachbarschaft mit ihren Familien leben. Stutzig macht den Leser der Titel – Was hat der Ruhrpott mit Marschmusik zu tun?
Um einer Antwort näher zu kommen, vermittelt der Autor uns seine Geschichte und deren Anliegen nicht linear. Vielmehr legt Martin Becker seinen Roman auf verschiedenen Zeitebenen und in mehreren Erzählsträngen an: Er blickt zurück auf die Lebensgeschichte seiner Eltern im Revier, auf ihre sich entwickelnde Beziehung, stellt uns den „Sauhund“ vor, den Kumpel und einzigen echten Freund des inzwischen verstorbenen Vaters, und erzählt von den Besuchen bei der kranken Mutter. Von dieser ehemals stattlichen Frau ist nur ein Schatten ihrer selbst geblieben.
In das Textgewebe seines Buches fügt der Autor schließlich die eigenen Erinnerungen – an Kindheit und Jugend in der Kleinstadt am Rande des Ruhrgebietes, an das Reihenhaus der Familie, und an seinen von Ehrgeiz getriebenen Zugang zum Posaunenspiel, zur Marschmusik.
Einfühlsam und ohne Überheblichkeit gelingt es Martin Becker, den Leser mitzunehmen in das Milieu der sogenannten „kleinen Leute“, mitzunehmen in eine ausgehende Epoche, deren Ende längst beschlossen war und jetzt – in 2018 – besiegelt wird.

Auch wer nicht im Revier aufgewachsen ist, spürt das Anliegen des Buches, kann die ambivalenten Heimatgefühle des Erzählers nachempfinden – und begreift, dass es Martin Becker letztlich um ein zentrales Thema geht, das uns immer wieder beschäftigt, nämlich die Frage nach der eigenen Herkunft.
In diesem Sinne: Glück auf!

 

Musik instrumental (Posaunen)                       Quartett

1. Lesung     Jupp und Hans im Pütt                Reinhold Kühnle

Eine Spätsommernacht, bald wird es hell. Mittlerweile hat Jupps Familie mehr Platz als noch vor einigen Jahren. Ein Zimmer mussten sie nach dem Krieg an eine alte Dame abgeben. Was der Familie blieb waren die Küche und das zweite Zimmer. Dort schliefen sie alle. Die Eltern im Bett, Jupps kleinste Schwester zwischen ihnen, die größere Schwester auf einem schmalen Sofa davor, und Jupp, da malochte er natürlich schon, hatte ein Schrankbett, das wurde abends aufgeklappt. Die Toilette ist auf dem Flur. Gebadet wird einmal in der Woche draußen in der Waschküche. 
Jupp schläft. Es ist vier Uhr früh, in einer Stunde muss er aufstehen. Gestern hat er Geburtstag gehabt. Geburtstag sucht man sich nicht aus. Seit er Hans kennt, feiern sie zusammen Sie sind nicht nur genau am selben Tag geboren, sie haben auch zur gleichen Zeit auf dem Pütt angefangen, Sie haben zusammen ihren Knappenbrief bekommen und waren erst Schlepper, dann Gedingeschlepper, dann Lehrhauer, schließlich Kohlenhauer. Jupp hat eine Handvoll Bekannter, aber bei denen kriegt er die Zähne kaum auseinander, im Grunde gibt es also nur Hans den Sauhund. Ein komischer Vogel, sein bester Freund.

Hartmann trat an einem kalten und ungemütlichen Abend in mein Leben. Hartmann war der beste Freund meines Vaters gewesen, sie hatten zusammen auf der Zeche malocht. Sie hatten zusammen gesoffen und Blödsinn gemacht, und nach all den Geschichten, die ich von meinem Vater kenne, kann ich wohl mit Fug und Recht behaupten, dass dieser Hartmann der einzige wirklich enge Freund war, den mein Vater jemals hatte. Später gab es Bekannte und Arbeitskollegen und vor allem seine Familie, aber keinen Hartmann mehr.

Der Anrufer war kurzatmig, und immer, wenn er Luft ausstieß, gab es dieses Geräusch. Noch bevor ein Wort gewechselt wurde, fiel mir die leise Musik am anderen Ende der Leitung auf: Blaskapelle, Märsche. Die Marschmusik sollte alle unsere zukünftigen Gespräche begleiten.

Wer ist denn da, fragte ich. Alt, Ruhrpottdialekt, Militärmusik. Du erkennst mich nicht, sagte der Mann in einem Tonfall, der die Situation umkehrte: argwöhnisch und wortkarg. Du bist der Kurze vom Jupp, sagte er. Hat dein Vater dir mal vom Sauhund Hartmann erzählt? Bestimmt nur Scheiße, sagte er und lachte heiser. Dann wieder Schweigen, wieder Lungenpfeifen, und ein neuer Marsch mit Pauken und Trompeten. Ich erzähl dir mal was, Junge, sagte der alte Mann. Davon, dass er mich anrufen müsse, so lange es noch ging. 
Du hast viel zu tun, sagte Hartmann, du hast viel zu tun. Du fährst um die Welt und weißt Bescheid, schade nur, dass du nicht weißt, wie man die eigene Haustür aufschließt. Ich wollte widersprechen. Hartmann aber er kam mir zuvor und sagte: Glück auf, Junge, und ehe ich nachdenken konnte, hatte ich ihm aus Reflex geantwortet: Glück auf, Hartmann. Mir sollte erst viel später klar werden, dass ich aus diesem Spiel so schnell nicht mehr rauskommen würde.
Jedes Bergwerk braucht zwei Schächte. Damit die Wetter in der Grube richtig verteilt werdenGuck mal hier, auf dem Bild. Da ist der einziehende Schacht, hier der aufziehende Schacht. Die Wetter müssen geführt werden. Denk an den Kohlenstaub. Kettenreaktion. Schlagwetterexplosion. Das sind die verschiedenen Lagerungen. Da kommt ein Querschlag raus, und der geht immer von Norden nach Süden durch alle Flöze, die anstehen. 
Mir brummt der Schädel, Das also hat Hartmann gemacht und geliebt. Das also hat mein Vater gemacht und geliebt. Eine Wissenschaft für sich. Eine Welt hinter der Welt. Anders, eine Welt unter der Welt.

Ich kann ja nicht immer alle Schuld auf Hartmann schieben, aber letztlich fing es mit ihm an: dass ich wissen wollte, warum ich bin, was ich bin. Dass ich sehen wollte, was noch da ist, bevor auch die letzten Dinge porös werden, zerfallen und mir wie Staub durch die Finger rieseln. Ich hatte zu viel gesehen, um aus der Nummer noch rauszukommen. Ich musste unter Tage. Ob ich wollte oder nicht.
Das Stück Kohle in meiner Hand ist noch warm. Wenige Augenblicke vorher hat die Maschine es mit lautem Getöse aus dem Berg herausgebrochen. Ich stehe ungläubig und aufgeregt da, wäre ich nicht schon mit Fieber angefahren, dann hätte ich es spätestens jetzt: schwarzes Gold. Ich hatte nie verstanden, was damit gemeint ist. Ich musste erst mehr als einen Kilometer tief in den Berg fahren, eine halbe Stunde weiter mit dem Zug und nochmals eine Viertelstunde zu Fuß, um das zu verstehen. Ich stehe da, mit Helm, Schutzbrille, Grubenleuchte, Selbstretter, Schienbeinschonern, klobigen Stiefeln, Hose, Hemd, Jacke, Unterhose, Socken, alles gestellt von der Zeche. Mein Gesicht wird hinterher nicht richtig schwarz sein, nur aus der Nase werden auch am Abend noch Kohlenpartikel kommen, die mich daran erinnern, wo ich war. Das Stück Kohle kühlt ab, Musst du abbürsten, sagt der Steiger, einmal, zweimal, und dann Klarlack drauf, dann hast du lange was davon.

Und jetzt sehe ich in meinem Fieber plötzlich alles. Und jetzt, erst jetzt kann ich wirklich davon erzählen und stecke mir mein Stück Kohle in die Jackentasche.

Musik instrumental (Posaunen)                            Quartett  

2. Lesung     Jupp und Barbara                             Hillard Thalheim

Das Mädchen heißt Barbara. Die Familie gehört schlicht und einfach zu den Ärmsten unter den Armen. Barbara träumt von einem anderen Leben, von einem anderen Ort. Sie trägt Zeitungen aus. Und einmal im Monat kassiert sie das Geld dafür. Barbara steht vor der Tür und es öffnet ihr ein junger Mann. Geld wird gezahlt. Das war´s. Na gut, nicht ganz: Wie heißt du denn, fragt Barbara. Jupp, sagt der junge Mann. Gehst du auf den Pütt fragt Barbara. Ich bin Kohlenhauer, sagt der junge Mann. Der Jupp vom Pütt, sagt Barbara und lächelt. Und geht. Als sie wieder im Hof steht, ist die Sache klar: In den nächsten Tagen wird sie nochmals klingeln. Barbara hat früh gelernt, dass man die Klappe aufreißt, bevor es andere machen.

Wochen später: Sie klingelt. Der schüchterne, verschämte, maulfaule junge Mann öffnet ihr die Tür Hemd, Hosenträger, Hausschuhe: Er ist überrascht, überfordert, wie sollte man ihm das nicht anmerken. Aber Barbara ist vorbereitet: Sie hat eine Quittung in der Hand. Nicht dass du Ärger kriegt, sagt sie. Danke, sagt Jupp. Und bleibt stehen. Und sie weiß, es gibt manchmal nur eine Chance, also fragt sie ihn einfach. Sie redet von so viel Arbeit und vom wenigen Platz, und dass sie endlich mal abends rausmöchte. Und dann sagte sie: Komm doch mit, Jupp vom Pütt. Und Jupp sagte: Ja, gut.

Barbara und Jupp sind früh genug an diesem Abend da, um noch einen freien Tisch zu finden. Beim alten Knurrkopf hinter der Theke bestellt Barbara ein Glas Wein und Jupp ein Bier Und dann bricht das Eis. Sie trinkt noch einen Wein, er trinkt noch ein Bier, Jupp erzählt von seinem Moped. Barbara erzählt vom Stausee. Jupp erzählt wofür er so malocht. Barbara erzählt, dass sie raus will aus der Wohnung nur weg von dort. Jupp erzählt von den Tomaten im Garten. Barbara erzählt von den Alpen, Jupp erzählt vom Zelten. Barbara erzählt von Kindern, Jupp erzählt von einem Haus. Und dann ist es still. Dann haben sie sich alles erzählt. Und Jupp wird nicht mehr rot, und Barbara ist nicht mehr verlegen. Bevor sie gehen, bestellen sie noch einen Schnaps. Der alte Knurrkopf schaut sie an, schaut ihn an und ahnt nicht, welche Tragweite das hat, was er Barbara und Jupp in diesem Augenblick wünscht: Gute Reise.

Nach der Hochzeit fahren sie mit dem Moped bis nach Bayern, Sie haben kaum Geld, Aber sie haben ein Zelt und sehen die Alpen. Es genügt ihnen. Sie sind das erste Mal in ihrem Leben wirklich allein, richtig im Urlaub. Jupp verliert seine Scheu, wenn Barbara dabei ist, er spricht viel, und er spricht gern, wie man es von ihm gar nicht gewohnt ist. Beim nächsten Mal, sagen sie sich, da fahren wir richtig weit weg. Nach Österreich. Als sie am Ende ihrer Flitterwochen nach Hause fahren, da wissen sie. dass alles gut werden wird. 
Jupp wechselt die Zeche, wechselt die Stadt, wechselt die Arbeit. Er ist jetzt Gesteinshauer. Dafür bekommen sie eine Zechenwohnung. Es gibt ein Badezimmer, eine Küche, ein Wohnzimmer, und es gibt ein Schlafzimmer; nur für sie. Es ist schon eine komische Sache, denkt Jupp, die Zechen machen zu und doch haben die, die übrig bleiben, nicht genug Leute. Im Winter hast du Kohle für lau, und Überschichten bringen richtig Geld. Und jetzt sogar eine Wohnung.

Der Alltag kommt schneller, als sie gucken können. Bald kennen sie den König eine Straße weiter, und der König kennt sie. Da dürfen sie bald anschreiben, bis es wieder Geld gibt. Barbara führt Buch darüber. Da kann man ihr Leben nachlesen, im Wochenrhythmus: Bier. Brot, Bananen, Kaffee, Kartoffeln, Kotelett, Schnaps, Strümpfe, Salz und Zigaretten, immer wieder Zigaretten. Sie streiten sich nicht oft. Manchmal, wenn Jupp betrunken ist, ist er auf Ärger aus, wird er gemein, es passiert nicht oft, aber es passiert.

Da ist also dann diese Nacht. Sie braucht lange, um einzuschlafen, wenn Jupp auf Nachtschicht ist. Sie schläft tief und fest, bis es klingelt. Einmal, zweimal. Dann Sturm. Sie schreckt hoch, Ihr Puls überschlägt sich. Es ist was mit Jupp, denkt sie, jetzt kommt das, was sie immer nur in Geschichten gehört hat.

Machen Sie bitte auf. Es gehe um Ihren Mann. Sie vergisst Strümpfe und Schuhe, steht barfuß im Hausflur. Was ist passiert, sagt sie sofort, ist er am Leben. Ganz ruhig» sagt der Mann von der Zeche. Es hätte schlimmer sein können. Sein linkes Bein. Er ist im Krankenhaus. Wird alles wieder gut, haben sie gesagt.

Wird alles wieder gut, sagt sie sich leise vor, als sie in unerklärlicher Routine Sachen für Jupp aus den Schränken holt.

Und was ist beim nächsten Mal, fragt Barbara ab diesem Tag wieder und wieder, das Bein, der Kopf, alles? Und die Maloche nachts hört auf, denkt Jupp wieder und wieder. Nach fünf Jahren Nachtschicht, erinnert er sich an die Worte eines alten Hauers, hast du keine Freunde mehr. Und nach zehn Jahren ist auch die Familie weg.

Als er gerade wieder einigermaßen humpeln kann nehmen sie ihren VW-Käfer und fahren mal hin nach Mündendorf. Sie haben nur die Adresse der Firma Soundso und Söhne und Butterbrote und eine Thermoskanne mit Kaffee, Sie finden die Firma gleich, direkt am Wald, Jupp hinkt zum Pförtner. Es ist ein großer Betrieb mitten im Grünen, das gefällt ihm an sich. Er fragt nach, und sie sagen ihm: Natürlich gibt es Arbeit hier. Jupp steigt ins Auto und sagt zu Barbara. Gib mir mal einen Schluck Kaffee. Jupp wartet, bis Barbara ihm den Kaffee gereicht hat, trinkt schlürfend und sagt: Magst du es hier? Und Barbara sagt: Ist schon schön. Und Jupp sagt: Dann ziehen wir bald um. Schicht im Schacht.

Musik instrumental (Posaunen)                          Quartett

3. Lesung     Martin und Mündendorf                Heidrun Schwarz

Es ist der November 1982: In meiner Heimatstadt Mündendorf wird im Jahr meiner Geburt der erste Geldautomat eingeweiht. Aus dem Wanderzirkus brechen eine Handvoll Pfauen und Zebras aus, die in den Sauerländer Wäldern verschwunden bleiben. In Bonn wird Helmut Kohl Bundeskanzler. Ich komme also zum Beginn der bleischweren Jahre der Bonner Republik auf die Welt- Was für Aussichten.
Als ich drei Jahre alt bin, da ist unser Haus ein Schloss, in dem Könige wohnen müssen. So viel Platz, so viele Ecken zum Verstecken. So viele Zimmer. Ich wohne mit meinem Bruder zusammen. Mein anderer Bruder hat ein eigenes Zimmer. Er ist neun Jahre älter.
Ich bin fünf Jahre alt. Im nächsten Jahr komme ich in die Schule. Ich mache an den Wochenenden Spaziergänge mit meinem Vater. Er erzählt mir von Wildschweinen, von Rehen, von Greifvögeln und von Zebras und Pfauen die vor einigen Jahren aus dem Zirkus ausgebrochen sind. Danach gehen wir in die Wirtschaft. Frühschoppen am Sonntag.
Als ich sechs Jahre alt bin, da ist unser Haus groß und prächtig wie eine Villa. Alles ist hell, und alles gehört mir. Bis auf Waschküche, den Keller, und das Zimmer, das auf die Terrasse geht. Kann man nicht ein Haus bauen ohne Räume, vor denen man sich fürchtet? Mein ältester Bruder zieht in das Zimmer im Keller. Ich bekomme ein eigenes Bett, und eine Tapete mit Clowns und Luftballons.
Als ich zehn Jahre alt bin, da schrumpft unser Haus über Nacht. Jedes Zimmer, jeder Flur, jede Ecke wird kleiner. Es gibt Menschen, die wohnen in Villen, die wohnen in Schlössern, Das tun wir nicht. Das Haus muss erst wie von Geisterhand in einer Nacht schrumpfen, damit ich das verstehe.
Ich bin dreizehn Jahre alt. Auf Freizeiten und Klassenfahrten haben die Gleichaltrigen jetzt ihren ersten Freund, ihre erste Freundin. Ich stelle mir nur vor, wie es sein könnte. Ich verliebe mich unglücklich, einmal, wenn es einmal passieren kann, dann kann es auch noch ein zweites Mal passieren. Und ein drittes Mal. So ist es dann auch.
Ich hin vierzehn Jahre alt: Der Musikzug Mündendorf sucht Nachwuchs. Immer schon habe ich die Musikerinnen und Musiker bewundert, die bei Schützenfesten spielen. Schon nach einigen Wochen darf ich zu den ersten Orchesterproben kommen. Ich bin Feuer und Flamme, ich will alles erleben, was der Musikzug zu bieten hat. Ich will Marschmusik spielen.
Ich bin fünfzehn Jahre alt. Unser Haus ist wie ein alter Mensch. Es wird mit den Jahren immer kleiner, gebeugter, gebrechlicher Und es ist ja schon und klein und eben in der Mitte einzwängt. Warum fällt mir das überhaupt erst jetzt auf? 
Ich bin siebzehn Jahre alt. Unser Haus ist klein und bescheiden und zu eng für mich geworden. Natürlich gehe ich auf Partys, natürlich bin ich irgendwie dabei. Aber ich tanze nicht, sondern schaue nur zu. Ich verziehe mich nicht mit einem Mädchen in eine schummerige Ecke. Ich bin dabei, aber passiv, ich beobachte das Leben vom Rand aus.
Ich bin siebzehn Jahre altIch will ausbrechen.

Wir haben Nachmittagssport, den ich hasse. Wenn der Bus zurück
nach Hause fährt, dann ist es schon dunkel. Ich habe keine Idee davon, dass sich gleich alles ändern wird. Schlagartig. Dass ich anfangen werde zu rauchen. Dass ich in die Kneipe gehen werde, mit Freunden aus der Schule, zum ersten Mal in meinem Leben. Dass ich woanders übernachten und ein Mädchen küssen werde. Dass ich Gras rauche und mich gut fühle, und Panik bekomme. Dass ich innerhalb von Monaten alles tun werde, was vorher absolut undenkbar war. Das alles weiß ich noch nicht, Als sich die Türen des Schulbusses öffnen.

Ich bin siebzehn Jahre alt und noch nicht erwachsen, als ich die letzten Meter zu unserem Haus laufe, dem ich manchmal Unrecht tue, weil ich es zu klein und zu schlicht finde. Ich sehe, wie mein Bruder die Tür öffnet. Ich verstehe nicht, was für ein Gesicht er macht. Und als ich es verstehe, da bin ich erwachsen. Von jetzt auf gleich.

Mündendorf also. Kleinstadt am Rand des Ruhrgebiets. Geprägt von Industrie und Mittelstand. Hier bin ich geboren, hier bin ich aufgewachsen, von hier bin ich weggegangen.

Du hast die Welt gesehen. Du bist betrunken durch Brooklyn getorkelt und warst verliebt in Paris, in Rio hat man dich mit einem Messer überfallen. Wer das durchsteht, wird auch Mündendorf überleben.

Ich bin jetzt zweimal 17 Jahre (also 34 Jahre) alt 
Das Bett meiner Mutter steht neuerdings dort, wo früher die Essecke war. Man braucht keine Essecke mehr in diesem Haus. Die Familie, die hier mal  lebte hat sich tatsächlich auserzählt. Wie eine Fernsehserie auserzählt sein kann - es kommen nur noch Wiederholungen. Meine Mutter, noch keine siebzig Jahre alt, hält hier die Stellung. Pass schön auf dich auf, sagt meine Mutter, und schließ die Tür ab, ja! Ich habe schon den Schlüssel in der Hand, da packt es mich und ich gehe hoch in den ersten Stock. Ich hole den Koffer vom Kleiderschrank. Der Zug der Posaune ist noch beweglich. Ich nehme sie in die Hand stecke das Mundstück an und versuche, einige Töne zu spielen. Alles klingt schief und ungelenk. Als ich gehe liegt meine Mutter schon im Bett und schläft. Ein flaues Gefühl im Magen . Es ist schwer, hier zu sein, es ist schwer wegzugehen. 
Dann ziehe ich die Haustür so leise wie möglich zu und schließe zweimal ab.

Kurzauslegung:     Hebr. 11, 8-10                           Karl Henschel

 Liebe Gemeinde des Literaturgottesdienstes!

Glück auf, Junge. Glück auf, Hartmann. So erkundet der Erzähler die ihm fremde Welt des Bergbaus und bringt vor allem Licht ins Dunkel der eigenen Familiengeschichte.

Wo komme ich her? Was hat mich geprägt? Wo sind meine Wurzeln? Die meistens Jugendlichen heute interessiert das kaum. Vielleicht muss man selbst Vater oder Mutter sein, um Neugier dafür aufzubringen, nach der elterlichen Heimat und was sie geprägt hat zu fragen.

Ich meine, ich war knapp 40 als ich die schlesische Heimat meiner Eltern mit Ihnen zusammen erkundet habe.

Hier im Roman ist es die inzwischen fast völlig untergegangen Welt des Bergbaus, die seinem Vater Arbeit und Brot gebracht hat, aber seine Gesundheit beeinträchtigte und ihn durch den Schichtdienst vereinsamt hatte.

Auch Haltern hatte mal zwei fördernde Schächte in der Haardt und in Lippramsdorf und die Nordwanderung des Bergbaus war 1929 der Grund, Haltern dem Kreis Recklinghausen zuzuschlagen. Manchmal erschrickt man, wie rasant diese Rückentwicklung war. In der Mitte der 80ger Jahre prangte an der Stadteinfahrt von Herten noch stolz ein Banner: „Größte Bergbaustadt Europas. Drei fördernde Zechen.“ Und auch in Haltern gab es einmal große ökumenische Bergknappengottesdienste in St. Laurentius und in St. Sixtus. Wenn sich heute die Bergknappen zur Barbarafeier im Dezember treffen, passen alle um einen großen Tisch. Nur wer einmal als Besucher eingefahren ist, kann sich ein annäherndes Bild von der Arbeitswelt der Bergleute, den Gefahren unter Tage und der Gemeinschaft unter den Kumpels machen. Doch Ende dieses Jahrs ist Schicht im Schacht.

Der Autor geht den Familienerinnerungen nach, sucht nach der verlorenen Jugend und der Welt der Eltern, Erinnerungen an den wortkargen Vater und die Abende mit Bier, Schnaps und Marschmusik, an ein Milieu, das für immer verschwinden wird. In dieser Spurensuche sucht er selbst nach seiner Heimat, nach einem festen Ort und Halt. Aus der Kleinstadt Mündendorf muss er ausbrechen, um 17 Jahre später die untergegangene Welt der Eltern zu erkunden, um selbst seinen festen Ort zu finden.

Die Suche nach einem Lebensziel, nach einem festen Ort, nach einer Heimat, ist ein Motiv, das immer wieder in der Bibel vorkommt. Exemplarisch ist die Geschichte Abrahams zu nennen. Über sie reflektiert Jahrhunderte später der Verfasser des Hebräerbriefes:

„Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ (Hebr. 11, 8-10) Abraham, der Vater des Glaubens, ein Nomadenpatriarch voller Sehnsucht nach Leben. Einer, der auf Befehl, auf Versprechen von Land, bereit ist loszuziehen. Ein Flüchtling und Heimatloser. Ein Entwurzelter, ohne Bindungen, auf der Jagd nach Segen.

Abraham, einer von all den anderen, die durch die Geschichte irren und suchen. Ohne zu wissen, was auf sie wartet. Von einer Hoffnung getrieben, dass es anderswo besser sein wird. Und nicht nur von der Hoffnung getrieben, sondern auch von Hunger und Todesangst, von Neugier und Abenteuerlust. Irgendwie muss es doch zu finden sein, das Glück des Lebens. Irgendwann muss man den Segen doch spüren. Irgendwo muss man doch wieder zu Hause sein.

„Abraham wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat.“

In dem langen Zug, der sich durch die Lebensgeschichte bewegt, gibt es verschiedene Gruppen. Da sind die einen; die sind da, wo sie sind, ganz zu Hause, meist zufrieden und glücklich, auch wenn sie nicht ganz verstehen, warum sich so vieles verändert, und warum einmal alles zu Ende geht. Andere irren von Ort zu Ort, von Beruf zu Beruf, von Mensch zu Mensch, immer auf der Suche, nie am Ziel, unzufrieden mit sich und der Welt bis zum letzten Atemzug hin.

Und dann sind da noch einige wenige, die wissen, dass man hier nur Gast und Fremdling sein kann. Auch sie erschrecken vor den Aufbrüchen, zu denen das Leben sie zwingt. Und wenn sie daran denken, dass es einmal zu Ende geht, haben sie Angst. Aber Gäste und Fremdlinge können etwas, das man unbedingt braucht, um heil durchs Leben zu kommen: Sie blicken über den Rand hinaus. Sie warten auf das bessere Vaterland. Sie wollen vorwärts und nicht zurück. Und können sich deshalb auf schwierige Situationen einstellen, können, auch wenn die Lage aussichtslos erscheint, Überlebenschancen entdecken. Können leben im Glauben und Vertrauen auf Gott. Ohne zu wissen, was auf uns wartet, werden wir durchs Leben getrieben. Meist voller Sehnsucht. Manchmal in Verzweiflung. Gelegentlich voller Hoffnung.

Am Ende der Lebensgeschichte wartet nicht die Wüste und nicht das Meer, sondern die Stadt. Ohne Obdachlose und ohne Polizisten. Ohne Wohnungsnot und ohne Mietwucher. Ohne Verkehrschaos, ohne Banken und auch ohne Kirchen.

Er, der einzige Sohn, so sagt es der Hebräerbrief, wurde draußen vor dem Tor, von den Machthabern der Stadt hingerichtet. Er, der einzige Sohn, ist draußen vor dem Tor von Gott auferweckt.

So werden wir in Seiner Stadt leben dürfen, nicht einsam, sondern in Gemeinschaft, nicht naturbesessen, sondern kultiviert, nicht den Zielen der Erde verfallen, sondern vom lebendigen Gott zum Ewigen Leben bestimmt. Nur durch den Glauben ist diese Geschichte möglich:

Mit Vernunft hat das alles nicht viel zu tun. Aber mit Vertrauen.
So ist es, wenn Menschen glauben. Glauben heißt vertrauen.
Und mit einem Versprechen zu leben. Näher oder weiter entfernt davon, dass es sich erfüllt. Und weit entfernt davon, die Dinge selbst in die Hand nehmen zu können.

Das, was wir uns so sehr wünschen, das sehen wir manchmal nur von ferne und winken ihm zu. So ist das auch in meinem Leben. Von meinen Höhen und Tiefen, davon weiß doch kein Mensch. Wer weiß, was einmal davon zu erzählen sein wird?

Und so ist das auch mit meinem Glauben. Und doch gehe ich weiter und bleibe nicht stehen. Denn da ist das Versprechen, dass es einmal, am Ende, irgendwann, nicht mehr nur das Zelt sein wird, sondern das Haus und die Stadt, in der ich bleiben kann.

Glauben: In uns eine feste Zuversicht auf das, was wir hoffen. Ein Nicht-Zweifeln an dem, was wir nicht sehen. Glauben ist weitergehen. Wie nach Hause. Um eine Heimat zu finden, die bleibt. Amen.

Gemeindelied: DL 35, 1+3 (Klavier)                    Norbert Römer

Fürbitten                                                                Sandra/Hannelore/Karl

Sandra

Gott, Du kennst unser Leben

unsere Hoffnungen, unsere Träume,

Du kennst die Wege, die wir gegangen sind,

und auch unsere Sackgassen.

Du weißt, was unseren Lebensweg geprägt hat,

was uns begegnet ist im Laufe der Jahre.

Wir brauchen einen festen Grund

und eine hoffnungsvolle Perspektive,

um leben zu können.

Gott, sieh unsere Sehnsucht nach Heimat,

nach Orten der Verlässlichkeit,

nach Menschen, die zu mir halten,

nach einem Glauben, der trägt.

 Hannelore

Ewiger Gott, birg uns im Mantel Deiner Liebe,

wenn uns kalt wird von innen her,

wenn Trauer und Enttäuschung über uns herfallen,

Gib uns Zuflucht,

wenn uns die Wehmut über ungelebte Träume einholt.

Halte uns fest, starker Gott,

wenn der Boden unter uns wankt

und Lebensentwürfe zerbrechen.

 Karl

Gott, wir bitten Dich für die Menschen,

denen die Heimat genommen wurde

durch Krieg, Flucht und Vertreibung.

Wir bitten für alle,

die täglich im Kampf gegen den Hunger zu bestehen haben.

Wir bitten dich für die Opfer nach dem Erdbeben

und dem Tsunami auf der Insel Sulawesi.

Höre sie in ihrer Not und ihrer Hilflosigkeit

lass ihr Schreien nach Hilfe nicht ungehört verhallen,

Lass uns gemeinsam warten auf die Stadt,

die einen festen Grund hat, deren Baumeister Gott ist.

Amen.

Vaterunser und Segen                                  Karl Henschel

Gemeindelied: DL 308, 1-3(Klavier)          Norbert Römer

Mitteilungen aus der Kirchengemeinde     Sandra Allerdisse

Ausgangsmusik (Posaunen)                         Das Steiger Lied